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Wissenschaft im Namen Allahs

Posted by paulipoldie on August 10, 2009

Wissenschaft im Namen Allahs

Von Jens Lubbadeh

Jeder fünfte Mensch ist Muslim. Islamische Länder sind aber Schlusslicht in Sachen Forschung. Der Grund: Wissenschaft in islamischen Ländern ist international so bedeutungslos, weil sie nur Mittel zum Zweck ist.

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Islamische Wissenschaftler waren einmal Weltspitze – wenn auch vor tausend Jahren. Als sich das mittelalterliche Europa fest im Griff der Kirche befand, waren es islamische Gelehrte, die das antike wissenschaftliche Erbe der Griechen wiederentdeckten, bewahrten und weiterentwickelten. Vom neunten bis zum 13. Jahrhundert erlebte der Islam eine Blütezeit der Wissenschaften. Doch das Blatt wendete sich: Während Europa sich im Zuge der Aufklärung vom Diktat der Kirche freimachte, gewannen in der islamischen Welt fundamentalistische Strömungen die Oberhand. Der Islam wurde rigider, die auf islamischem Recht basierenden Gesellschaften unfreier. Eine Entwicklung, die bis heute anhält: In Saudi-Arabien ist der dogmatische und konservative wahhabitische Islam Staatsdoktrin.

Der Koran: "Ist er mit der Wissenschaft nicht vereinbar, liegt automatisch die Wissenschaft falsch."

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DPA

Der Koran: “Ist er mit der Wissenschaft nicht vereinbar, liegt automatisch die Wissenschaft falsch.”

Die wissenschaftliche Bedeutungslosigkeit islamischer Länder, die rund ein Fünftel der gesamten Weltbevölkerung stellen, lässt sich anhand von Statistiken der Weltbank, der Unesco und der US-amerikanischen National Science Foundation über Länder der Organization of the Islamic Conference (OIC) belegen. In der OIC sind 57 islamische Staaten vertreten.

  • 20 dieser 57 Staaten haben in den Jahren 1996 bis 2003 im Schnitt nur 0,34 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Forschung und Entwicklung ausgegeben (der globale Schnitt beträgt 2,36 Prozent)
  • Wissenschaftliche Veröffentlichungen: Der OIC-Schnitt liegt bei 13 pro eine Million Einwohner im Jahr 2003 (Weltschnitt: 137 pro eine Million Einwohner, USA: 666 Veröffentlichungen pro eine Million Einwohner). Von 200.000 erschienenen wissenschaftlichen Artikeln im Jahr 2003 kam die Hälfte aus den USA, ein Drittel aus den Ländern der EU und knapp sieben Prozent aus Japan.
  • Nur 312 der etwa 1800 Universitäten in OIC-Ländern haben wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, 26 in der Türkei, 9 im Iran.
  • 14 der 28 Länder mit den niedrigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungsquoten sind OIC-Staaten.
  • Anzahl der Wissenschaftler in den OIC-Staaten: 500 pro eine Million Einwohner (Japan und Schweden: über 5000 pro eine Million). In den 21 armen OIC-Staaten, die südlich der Sahara liegen: 20 pro eine Million Einwohner.
  • Es gab bislang nur zwei islamische Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften: Abdus Salam (Pakistan, Nobelpreis für Physik 1979) und Ahmed Zewail (Ägypten, Nobelpreis für Chemie 1999).

In manchen Ländern gibt es Fortschritte: Die Türkei hat ihren wissenschaftlichen Output während der letzten zehn Jahre mehr als verzehnfacht, Iran sogar verzwanzigfacht. Die Türkei führt mit 6000 Veröffentlichungen im Jahr 2003 die wissenschaftliche Rangliste der OIC-Staaten an. Auch in der Ausbildung gibt es Verbesserungen: An Pakistans Universitäten studierten im Jahr 2004 über 400.000 Studenten, fast doppelt so viele wie 2001. Studierten 1979 an Irans Universitäten noch 100.000 Studenten, sind es heute zwei Millionen. Die Frauenquote ist mitunter erstaunlich hoch: In Sudan und Pakistan liegt sie bei 50 Prozent, in Iran sind es in den Wissenschafts- und Ingenieursstudiengängen sogar 70 Prozent. An ägyptischen Unis sind 35 Prozent der Studenten weiblich, in Kuwait 67 und in Saudi-Arabien immerhin 27. Doch nach der Uni ist für die Frauen zumeist Endstation – oft haben sie nicht die gesellschaftlichen Freiheiten, ihre akademische Ausbildung auch beruflich umzusetzen.

Wissenschaft ist Mittel zum Zweck

Woran liegt es, dass der wissenschaftliche Ertrag islamischer Länder trotz relativ guter Ausbildungsmöglichkeiten – zumindest in den reichen islamischen Staaten – so gering ist?

Nader Fergany, Direktor des Almishkat Centre for Research in Kairo und federführender Autor des Arab Human Development Report, sieht ein Mentalitätsproblem: Wissenschaft wird in der islamischen Welt nicht als Basis des Wohlstands gesehen. “Die sehr reichen Staaten sind weniger besorgt, denn sie sitzen bequem auf ihren Ölreserven”, sagt Fergany. Sie müssen Innovation nicht selbst produzieren, sondern kaufen sie einfach ein. Selbst die wissenschaftlichen Innovationen, die den Ölstaaten von direktem Nutzen wären, wie beispielsweise Petroleum-Technologie, würden überwiegend in den Nicht-Golfstaaten gemacht.

Und: Wissenschaft in den islamischen Ländern ist nicht frei. Wobei es jedoch nicht zwingend politische Freiheit sein muss, um Wissenschaft zu ermöglichen. Das zeigen Iran und Pakistan, aber auch China oder historische Beispiele wie Nazi-Deutschland oder die Sowjetunion. In Iran und Pakistan ist der Islam prominent in der Politik vertreten – dennoch hat Iran seinen wissenschaftlichen Output in den letzten Jahren enorm gesteigert. Es ist auch in ethisch heiklen Wissenschaftsbereichen Vorreiter: Als erstes Land des Nahen Ostens entwickelte es eine menschliche embryonale Stammzelllinie aus überschüssigen Embryonen künstlicher Befruchtung. In Pakistan ließ Präsident Musharraf das Bildungswesen reorganisieren, viele Universitäten neu gründen, Studenten ins Ausland schicken und ausländische Wissenschaftler anwerben.

Wissenschaft ist unfrei, weil sie in islamischen Ländern immer zweckgebunden ist. Zum einen soll sie Unabhängigkeit vom Westen ermöglichen. Waffen- und insbesondere die Nukleartechnologie gelten nach Ansicht des iranischen Physikers Reza Mansouri als Nonplusultra wissenschaftlicher Errungenschaften. Generell betragen die Militärausgaben islamischer Länder oft ein Vielfaches der Ausgaben für Forschung und Entwicklung: Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt für Militär lag im Schnitt von 1996 bis 2003 für Kuwait bei 7,95 Prozent, für Saudi-Arabien bei 10,73, Sudan bei 2,75 und Iran bei 4,01.

Wissenschaft dient auch als Mittel zum Zweck in Glaubensfragen. “Alles Wissen ist schon im Koran angelegt und Wissenschaft muss sich daran messen”, sagt Thomas Eich, Islamwissenschaftler an der Universität Bochum. “Ist der Koran mit der Wissenschaft nicht vereinbar, liegt automatisch die Wissenschaft falsch.” Wissenschaft soll letztlich den Koran bestätigen. Wissenschaft – aber nicht um Wissen zu schaffen, sondern um bestehendes Wissen zu bewahren. Eine Sichtweise, die auch Mansouri bestätigt. Dies führe seiner Meinung dazu, dass eher Geld für neue Bücher bereitgestellt würde als für Laborausstattung, Computer und Experimente.

Es ist die scharfe Trennung zwischen Wissenschaft und Glauben, die im Islam fehlt. Eine säkulare Wissenschaft gibt es nicht. Schon der Begriff “elm”, der im arabischen Sprachraum für Wissenschaft verwendet wird, bedeutet laut Mansouri ein tiefes Verständnis des Islam. Seiner Ansicht nach gebe es daher keine scharfe Trennung zwischen Wissenschaft und Theologie. Manche Intellektuelle wie der Iraner Seyyed Hossein Nasr, der an der George Washington University lehrt, sehen sogar eine eigene islamische Wissenschaftstradition. Sie dürfe “nicht als ein Kapitel in der Geschichte westlicher Wissenschaft” gesehen werden. Islamische Wissenschaftler seien nie den Weg Descartes’ und Newtons gegangen, die physikalische Welt auf ihre materiellen und mechanistischen Aspekte zu reduzieren. Muslime, so Nasr, könnten nicht akzeptieren, dass Menschen diese Welt rein empirisch voll erfassen können. Stattdessen glaubten muslimische Wissenschaftler, dass ein vollständiges Verstehen der Natur erfordere, ihre Teile auch als Zeichen eines höheren Zwecks zu sehen. Im Zuge der Kolonialisierung sei die westliche Wissenschaftsmethode nach Ansicht Nasrs islamischen Ländern aufgezwungen und daher nie voll in die islamische Kultur integriert worden.

Kreationismus wurde bei den Christen abgekupfert

Überhaupt: Den Islam gibt es nicht. Heikle bioethische Fragen werden in allen islamischen Ländern unterschiedlich geregelt. In Saudi-Arabien ist die Herstellung gentechnisch veränderter Pflanzen unproblematisch, Pränataldiagnostik menschlicher Embryonen hingegen verboten – da es dem Willen des Schöpfers widerspricht. In Pakistan ist Organspende untersagt – als einzigem Land der islamischen Welt. Urknall-Theorie und Evolution sind Reizthemen, weil der Islam – genau wie das Christentum – eine Schöpferreligion ist und dazu in direktem Widerspruch steht. An ägyptischen Schulen wird Evolution gelehrt, im Sudan und in Saudi-Arabien ist sie verboten. Taner Edis, Physiker und Autor des Buches “An Illusion of Harmony: Science and Religion in Islam” sagte der New York Times: “Der Koran ist ein kreationistischer Text.” Daher sei es schwierig, einen islamischen Gelehrten zu finden, der auch ein eifriger Vertreter Darwins sei.

Mitunter entstehen dann kuriose Allianzen: So vehement fundamentalistische Islamisten eigentlich den Westen und das Christentum ablehnen – was kreationistische Ideen angeht, scheuen sich nicht, bei fundamentalistischen Christen abzukupfern. Adnan Oktar, ein türkischer Autor, ist ein unermüdlicher Verfasser kreationistischer Bücher. Unaufgefordert und kostenlos schickte er Forschern und Journalisten in aller Welt sein aufwendiges 800-Seiten-Buch “Atlas of Creation”, das gegen Darwins Evolutionslehre wettert. Der baden-württembergische Verfassungsschutzbericht von 2003 stellt fest: Der Kreationismus eines Adnan Oktar “speist sich aus dem Gedankengut christlicher Kreationisten, insbesondere den Arbeiten des ‘Institute for Creation Research’ (ICR) in San Diego/Kalifornien, indem er diese auf muslimischen Zuschnitt umarbeitet”. Auch Thomas Eich bestätigt: “Der islamische Kreationismus ist sehr stark von außerislamischen Einflüssen geprägt.” Der Grund liege darin, dass viele islamische Intellektuelle ihre Ausbildung im Ausland genossen haben.

Wissenschaft – das ist das ständige Überprüfen von Hypothesen, ungeachtet jeder Autorität, sei sie politischer oder spiritueller Natur. Der pakistanische Wissenschaftler Pervez Amirali Hoodbhoy fasst das Problem zusammen: “Wenn die wissenschaftliche Methode aufgegeben wird, kann das nicht durch Ressourcen oder laut angekündigte Absichten, Wissenschaft entwickeln zu wollen, kompensiert werden. Wissenschaftliche Forschung wird unter solchen Umständen bestenfalls eine Art Katalogisieren oder Schmetterlingssammeln sein – und kein kreativer Prozess originären Hinterfragens, in dem gewagte Hypothesen aufgestellt und überprüft werden.”

Er muss also noch kommen, der Voltaire des Islam. Vielleicht wird er an der King Abdullah University of Science and Technology studieren?

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,517117-2,00.html

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