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Sarajevo: Metropole der Minarette

Posted by paulipoldie on December 26, 2009

24. Dezember 2009, 12:54 Uhr

Islamisierung in Sarajevo

Aus Sarajevo berichtet Walter Mayr

Arabische Scheichs pumpen Millionen für die Missionierung nach Bosnien-Herzegowina. Seit Kriegsende werden in Sarajevo Moscheen gebaut wie kaum anderswo auf der Welt. Was wird aus dem einstigen “Jerusalem des Balkans”, in dem alle Konfessionen Seit an Seit vertreten waren?

Wer Orte sucht, an denen Muslime und Christen seit Jahrhunderten Tür an Tür beten, findet sie in Sarajevo. Die ehrwürdige Gazi-Husrev-Beg-Moschee in der Altstadt ist von der Kathedrale der orthodoxen Christen wie jener der Katholiken nur Schritte entfernt. Eine Synagoge der sephardischen Juden ganz in der Nähe fügt sich ins multikonfessionelle Bild, das der Balkan-Metropole einst den Beinamen “Jerusalem des Balkans” eintrug.

Der Bosnien-Krieg aber, in dessen Verlauf etwa 100.000 Menschen ihr Leben ließen – zu 80 Prozent Muslime – und Sarajevo fast vier Jahre lang eingekesselt war, hat die Stadt verändert.

Zehntausende Alteingesessene sind ermordet worden oder geflohen. An die hunderttausend Neubürger siedeln neuerdings vor allem in Außenbezirken. Sarajevo ist nun eine zu 80 Prozent muslimische Stadt. Die Minarette zahlreicher seit Kriegsende erbauter Moscheen zieren den Talkessel wie Zinnen die Festung.

“Moscheen zu bauen ist eine Art, das Terrain zu markieren”, sagt der Stadtplaner Said Jamakovic: “Aber diese neuen, größenwahnsinnigen Bauten machen mich krank mit ihrer Hässlichkeit.” Die allermeisten Muslime wollten “doch nicht in einem islamischen Staat leben”.

“Wo findet der Cowboy sein Pferd in der Prärie? An der Quelle”

Die Veränderungen seien ausländischen Missionaren geschuldet, sagt Mustafa Spahic, Professor an der Gazi-Husrev-Beg-Koranschule: “Zuerst waren es Saudi-Araber, inzwischen zahlen steinreiche Geschäftsleute aus den Ölstaaten am Persischen Golf.”

Spahic versteht sich als Gelehrter in der mehr als halbtausendjährigen Tradition liberaler bosnischer Sunniten. Seine Überzeugung, dass der von arabischen Sponsoren beförderte Vormarsch radikaler Eiferer in Bosnien gestoppt werden müsse, verpackt er in ein Gleichnis. “Wer unsere Pflaumenbäume hier fällen will, weil man Sliwowitz daraus machen kann, und wer stattdessen Dattelpalmen pflanzen will, weil schon der Prophet Datteln aß, dem sagen wir: Datteln wachsen bei uns nicht.”

Wie aber kommt es, dass fundamentalistische Prediger zunehmend auch in Sarajevo Fuß fassen, der Stadt, in der seit jugoslawischen Tagen Mischehen als normal und abendliche Kneipentouren als bevorzugter Zeitvertreib gelten?

Viele in diesem kriegsverwüsteten Land, Vertriebene, Versehrte, Hoffnungslose suchten Halt und materielle Hilfe, sagt Spahic. Sie seien leichte Opfer für Seelenfänger: “Wo findet der Cowboy sein Pferd in der Prärie? Am Wasser natürlich, an der Quelle.”

Dort, wo es in Sarajevo am kräftigsten sprudelt, ist Nezim Halilovic anzutreffen, der Imam der König-Fahd-Moschee und berüchtigtste Prediger der Hauptstadt. Mitten in einen Wald aus seelenlosen Hochhäusern, deren Fassaden von Granattreffern zernarbt sind, duckt sich sein mit saudi-arabischen Millionenspenden errichtetes Gotteshaus. Tausende strömen hier freitags zur Chutba, um sich von der verglasten Kanzel herunter über die Leiden muslimischer “Brüder und Schwestern” in Palästina, Afghanistan und im Irak belehren zu lassen.

“Im Krieg genügte es, beschnitten zu sein, um umgebracht zu werden”

Die Muslime weltweit seien “Teil ein und desselben Körpers”, sagt der baumlange Imam nach der Predigt. Er war im Bosnien-Krieg Brigadekommandeur und weiß sich bis heute zu wehren – wortreich etwa gegen den Verdacht, er biete unter dem Dach seiner Moschee radikalen Salafiten saudischer Prägung Unterschlupf.

“Den Westen irritiert doch nur, dass nun viele Muslime zu ihrem Glauben zurückkehren, statt wie früher hinter der Moschee in die Bar zu schleichen, Alkohol zu trinken und Schweinefleisch zu essen”, sagt er. “Aber diese Rückbesinnung auf den Islam ist nur logisch nach einem Krieg, in dem es genügte, beschnitten zu sein, um umgebracht zu werden.” Dann lädt Halilovic zum Rundgang durch das angrenzende Kulturzentrum, das der Botschaft Saudi-Arabiens untersteht.

158 Moscheen landesweit seien mit saudi-arabischem Geld in Bosnien-Herzegowina neu erbaut oder restauriert worden, sagt er. Von Büchereien, Lehrlingsheimen, Kindergärten nicht zu reden. Eine Milliarde Dollar hätten die Scheichs aus Riad seit Kriegsende ihren balkanischen Glaubensbrüdern zukommen lassen.

Zwar sind nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 neben anderen auch viele saudi-arabische Stiftungen in Bosnien geschlossen worden. Und die als Hort von Al-Qaida-Sympathisanten angeprangerte Balkanrepublik bemüht sich seither, aus den Neunzigern übriggebliebene Gotteskrieger arabischer und maghrebinischer Abstammung loszuwerden. Doch die eigentliche, die strukturelle Bedrohung auf bosnischem Boden geht nicht von jenen paar Dutzend gewaltbereiten Radikalen aus, die mit blutrünstigen DVDs Freiwillige für den Dschihad werben und von der Bundespolizei als potentielle Terroristen eingestuft werden.

Computerkurse und Hanteltraining im Kulturzentrum

Die eigentliche Gefahr für ein säkulares, demokratisches Bosnien verkörpern die politischen wie geistlichen Führer der Republik, in ihrer Ohnmacht, Raffgier und Rachsucht. Milliarden Euro an internationaler Hilfe sind im EU-Protektorat versickert, ohne nennenswerten Erfolg – die Einheit des Landes ist weiter bedroht, die Wirtschaft stagniert, für Reisen nach Westen benötigen Bosnier unverändert ein Visum. Das in der Bevölkerung vorherrschende Gefühl der Ausweglosigkeit nutzen muslimische Missionare für die Einladung zu kleinen Fluchten.

Da werden vor nagelneuen Bildschirmen im saudi-arabischem Kulturzentrum kostenlose Computerkurse abgehalten und gleich nebenan Englischstunden für Anfänger. Da wird im Untergeschoss die Turnhalle für muslimische Frauen gesperrt, und die Männer mühen sich nebenan an den Hanteln.

Koranfestigkeit ist kein Zulassungskriterium zum saudi-arabischen Mikrokosmos. Doch wer mehr über den Glauben wissen will, der findet offene Ohren beim in Medina oder Kairo geschulten Personal. Auch eine gut bestückte Bibliothek wartet.

Viele nur auf dem Papier als muslimische “Bosniaken” geführte Menschen in Sarajevo haben ihre jugoslawisch-säkular erzogenen Väter, Brüder oder Schwestern im Krieg verloren – weil die Restwelt dem blutigen Treiben serbischer Aggressoren jahrelang zusah. Nun, da Titos Erbe samt dem Leitspruch von der “Brüderlichkeit und Einheit” südslawischer Völkerschaften in Scherben geschlagen ist, sucht die muslimische Mehrheitsbevölkerung nach ihrem Platz auf der europäischen Landkarte.

Was während der Freitagspredigten von den Kanzeln ertönt, ist da eine verlockende Option. Als Teil der Umma, der weltweiten Gemeinschaft der Muslime, können gläubige Bosniaken eine neue Heimat finden.

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