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Bernard-Henri Lévy: Ich führe Krieg

Posted by paulipoldie on May 16, 2010

Der Spiegel, 14/2010

Von Leick, Romain

Der französische Intellektuelle Bernard-Henri Lévy über seine Flickwerkphilosophie, seine Rolle als Reizfigur der Linken und seine Angst vor einem faschistischen Islam

SPIEGEL: Monsieur Lévy, Sie sind der bekannteste und wohl auch umstrittenste politische Intellektuelle in Frankreich, links, aber antimarxistisch. Ihre jüngste Schrift “Vom Kriege in der Philosophie” liest sich wie ein methodologisches und programmatisches Manifest über Ihre Art, Philosophie zu betreiben. Betrachten Sie sich als Krieger?

Lévy: Im Denken ja, im Leben nein. Ich bin ein völlig friedfertiger Mensch, Gewalt erfüllt mich mit Abscheu, den rea-len Krieg, den ich einigermaßen kennengelernt habe, hasse ich wie sonst nichts.

SPIEGEL: Sie sind als rasender Philosoph seit fast 40 Jahren von einem Brennpunkt in der Welt zum anderen unterwegs. Ihr erster Einsatz führte Sie Anfang der siebziger Jahre nach Bangladesch, während des Unabhängigkeitskriegs dort.

Lévy: Krieg empfinde ich als Schande der Menschheit. Aber im Denken ist Krieg das einzig wahre Mittel. Es gilt, die gegnerischen Gedanken zu stellen und zu bekämpfen. Das Ziel ist nicht nur das Finden der Wahrheit, sondern der Sieg.

SPIEGEL: Das klingt ziemlich gewalttätig. Ist Philosophie ein Kampfsport?

Lévy: Denken ist nicht gewalttätig, wohl aber unerbittlich. Entscheidend ist die Unnachgiebigkeit. Was ich in der Philosophie ablehne, ist der Kompromiss. In der Politik bestimmt der Kompromiss das Gesetz, er ist die notwendige Bedingung für das geordnete Zusammenleben in der Gemeinschaft. Jeder Demokrat muss einen Teil seiner Hoffnungen, seiner Leidenschaften, seiner Interessen, seines Elan vital abschreiben. Nicht so der Philosoph.

SPIEGEL: Die Suche nach Erkenntnis kann doch nicht darin bestehen, den Andersdenkenden niederzumachen.

Lévy: Die Wahrheit erreicht man nicht, indem man zwei unterschiedliche Lehren zusammenmischt. Ich kann mir auch nicht eklektizistisch das Beste aus mehreren Denksystemen herauspicken. Vor allem aber darf der Philosoph sich nicht auf einen Handel einlassen, also hier nachgeben, um dort etwas zu bekommen.

SPIEGEL: Das wäre der wässrige Konsens auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner?

Lévy: Verständigung ist kein Wert an sich.

SPIEGEL: Der Dialog aber doch. Wahrheit lässt sich vielleicht nicht vereinbaren, aber auch nicht verordnen.

Lévy: Ich glaube nicht an den Dialog als Methode der Erkenntnis. Im sokratischen Dialog steht der Ausgang der Debatte ja von vornherein fest. Natürlich akzeptiere ich die Konfrontation der Gesichtspunkte. Ich bin bereit, mich morgen mit Habermas, Enzensberger oder Sloterdijk an einen Tisch zu setzen, aber nicht in der Hoffnung, sie zu überzeugen, nicht in der Bereitschaft, meine Überzeugungen erschüttern zu lassen. Worauf es ankommt, ist der Zusammenstoß. Nietzsche nannte das die Philosophie mit dem Hammer: Hau drauf und horch, ob es hohl klingt.

SPIEGEL: Wenn man in den Krieg zieht, trifft man auf den Feind. Gegen wen und gegen was kämpfen Sie, und wofür?

Lévy: Ich führe Krieg um die Wahrheit.

SPIEGEL: Tut das nicht jeder Philosoph?

Lévy: Nein, nicht jeder Denker ist vom Willen zur Wahrheit beseelt. Manche lauern nur auf ein Ereignis der Geschichte, um aufspringen zu können. Andere, wie Slavoj Zizek (iek), wollen die kommunistische Hypothese rehabilitieren. Aber der Wille zur Wahrheit ist nicht alles. Ich philosophiere, weil ich mit allen meinen bescheidenen Mitteln dazu beitragen will, die Schäden, Beleidigungen und Kränkungen wiedergutzumachen, die den Ärmsten unter den Armen zugefügt werden. Es geht wohlgemerkt nicht darum, die Welt zu retten, sondern sie zu reparieren. Denn sie liegt in Trümmern, immerzu.

SPIEGEL: Der Philosoph als Klempner beim Eindämmen des Unheils? Das wäre eine Sisyphusarbeit.

Lévy: Heilung ist nicht möglich. Der Wunsch nach Reinheit und nach endgültiger Gesundheit ist die Gebärmutter des Totalitarismus. Der Philosoph sollte sich nicht mit dem Absoluten beschäftigen, sondern mit dem Unvollendeten.

SPIEGEL: Glauben Sie an den Fortschritt in der Geschichte? An die Verbesserung des Menschen?

Lévy: Ich glaube nicht an den linearen Fortschritt. Rückschritt ist jederzeit möglich. Es gibt keine unsichtbare Hand, welche die Geschichte zum Guten führt. Diese Art materialistischer Teleologie ist reaktionär. Der Wille der Menschen, das Talent der Künstler, der Freiheitskampf der Völker kann jedoch Fortschritte, Verbesserungen hervorbringen. Die Anstrengung ist es wert, auch wenn das Ziel immer am Horizont bleibt.

SPIEGEL: Aus der Geschichte lassen sich Lehren ziehen. Ist der Westen nicht gefeit vor einer Wiederholung von Katastrophen, wie sie das 20. Jahrhundert erlebt hat?

Lévy: Die gleichen Szenarien wiederholen sich nicht, aber Marx sagte völlig zu Recht, dass die Geschichte mehr Phantasie entwickelt als die Menschen. Wer hätte sich nach den zwei Weltkriegen auf europäischem Boden vorstellen können, was beim Auseinanderbrechen Jugoslawiens auf dem Balkan, in Vukovar oder Sarajevo, geschah? Der mörderische Nationalismus ist immer noch lebendig, in vielen Teilen der Welt. Bürgerkriege und Terror sind nicht einfach nur vorübergehende Geburtswehen der Demokratie oder unvermeidliche Begleiterscheinungen des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Der Nihilismus, der nackte Hass kann jederzeit wieder ausbrechen. Mit der Dialektik der Geschichte lässt sich das Böse nicht weginterpretieren. Schreckliche Mittel rechtfertigen sich nie durch den vermeintlich guten Zweck, im Gegenteil, sie vergiften ihn. Es gibt keine List der Vernunft, die über den Umweg des Unmenschlichen führt, nirgendwo.

SPIEGEL: Immerhin ist die totalitäre Versuchung den Europäern gründlich ausgetrieben worden. Ein heilsamer Effekt der Erinnerungs- und Trauerarbeit?

Lévy: Ins dunkle Antlitz der Geschichte zu blicken ist keine Schwäche, sondern macht die Stärke und die Ehre der Nationen aus. Wer seine Toten zu schnell und zu tief begräbt, erlebt, dass sie als Gespenster wiederkommen. Ja, die Vergangenheitsbewältigung, die Reue ist eine Kraft, die der Zukunft neue Möglichkeiten eröffnet. Europa hat heute ein anderes Verhältnis zu Krieg und Gewalt als andere Kontinente.

SPIEGEL: Vor allem als die USA. Worin sehen Sie heute die größte Bedrohung für den Weltfrieden?

Lévy: In dem, was ich den Islamofaschismus nenne. Es gibt heute einen einzigen Krieg der Kulturen: nicht im Sinne von Huntington, nicht der zwischen Ost und West, obwohl ich nicht abzusehen vermag, was passieren könnte, wenn China mit seinem System der Sklavenarbeit die Weltmacht Nummer eins würde. Der wirkliche Zivilisationskrieg, den wir gegenwärtig erleben, ist der innerislami-sche, der Kampf zwischen dem Islam der Aufklärung und dem der Finsternis, der Demokratie und des Terrorismus, den Erben des 2001 ermordeten Führers der afghanischen Nordallianz Massud und den Taliban. Dieser Krieg wird ohne Gnade geführt, und wir im Westen erleben, wie seine letzten Wellen uns erreichen.

SPIEGEL: Und wie erklären Sie die Verschmelzung von religiösem und politisch-ideologischem Radikalismus? Ist sie eine Reaktion auf das Vermächtnis des Kolonialismus oder eine Revolte der Unterdrückten und Entrechteten?

Lévy: Nein. Die islamische und insbesondere die arabisch-islamische Welt ist die einzige, die nicht die Lehren aus dem Faschismus gezogen hat. Es gab ja in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus einen eigenen arabischen Faschismus, auch eine ausgeprägte Bewunderung für den deutschen Nationalsozialismus. Die syrische und die irakische Baath-Partei, die Muslimbrüder in Ägypten, sie alle haben faschistische ideologische Wurzeln, die nicht allein im Kampf gegen die europäischen Kolonialmächte gewachsen sind. Das Führerprinzip, die Volksgemeinschaft, die Autoritätsgläubigkeit, die Todesbejahung, der Rassismus, der Judenhass, der Heils- und Reinheitswahn – das alles sind Elemente einer genuin faschistischen oder nazistischen Tradition, die in Arabien fortwirkt, gerade weil sie nicht als solche ins Bewusstsein gehoben wird. Der Geist des Muftis von Jerusalem, Amin al-Husseini, der Hitler in Berlin seine Dienste bei der Judenvernichtung anbot, spukt noch in Teilen der arabischen Welt.

SPIEGEL: Belehrende Predigten aus dem Westen werden da kaum weiterhelfen.

Lévy: Wir können dabei in der Tat nicht viel bewirken, außer den aufgeklärten Geistern die Hand auszustrecken. Und auf keinen Fall im Namen der Toleranz, des kulturellen Relativismus die wahren Ursachen dieses Islamofaschismus wegerklären oder auch nur Verständnis für den Geist des Terrorismus zeigen. Dagegen hilft nicht Toleranz, sondern allein Laizismus. Die islamische Welt muss ihre eigenen Dissidenten, ihren Solschenizyn, ihren Sacharow, hervorbringen, um am Ende die säkulare Revolution zu vollziehen. Die wird nicht durch den Dialog der Kulturen, sondern durch das Zwiegespräch der Seele mit sich selbst erreicht.

SPIEGEL: Das hört sich jetzt an, als berge Ihr philosophischer Reparaturbetrieb doch einen Kern absoluter Prinzipien.

Lévy: Das Absolute als Idee, nicht als zu erreichende Realität. Ich habe es ja gesagt: Es gibt in der Philosophie Elemente, die sind nicht verhandelbar. Dazu gehört der Universalismus der Menschenrechte. Der Respekt vor der Andersartigkeit der Kulturen lässt deren Einschränkung auf keinen Fall zu. Eine Kultur bricht nicht wie eine Kathedrale zusammen, wenn man einen Baustein, zum Beispiel die Todesstrafe, herauszieht. Menschenrechte – und dazu gehört die Gleichheit von Mann und Frau, aber auch die Ächtung der Todesstrafe – können gerade für die Linke nicht relativiert werden. Sie sind schließlich kein Tarnmantel des Imperialismus, sondern der Wesenskern der Aufklärung.

SPIEGEL: Ihre Durchsetzung rechtfertigt notfalls auch Krieg?

Lévy: Nicht unbedingt so, wie George Bush der Kleine das verkündet hat. Man kommt nie um eine Güterabwägung in der Politik herum: Was stiftet weniger Schaden, was bringt eine Verbesserung? Auch das “Ich” der Aufklärung ist kein absolutes transzendentales Subjekt, sondern immer auch ein “Man”, das an eine konkrete Situation gebunden ist. Aber es kann ein Recht, sogar eine Pflicht zur Einmischung geben. Unterlassene Hilfeleistung ist unter bestimmten Umständen ein Verbrechen.

SPIEGEL: Und Sie mischen sich ein, indem Sie Alarm schlagen?

Lévy: Ich will die Dummköpfe und die Dreckskerle daran hindern, triumphierend ihre Fahnen zu schwenken. Wobei die Dummköpfe manchmal gefährlicher sein können.

SPIEGEL: Warum?

Lévy: Der Dreckskerl ist leichter zu erkennen. Er ist ja nicht gutgläubig. Er geht über die Leichen und sagt: Sie sind es nicht wert, auch nur eine Sekunde des Nachdenkens an sie zu verschwenden. Das ist in Frankreich zum Beispiel die Position des Philosophen Alain Badiou – lasst doch die Bosnier in ihren Arenen aufeinander schlagen, wir halten uns raus. Dann gibt es die, welche die geschundenen Opfer nur zur Kenntnis nehmen, wenn sie ihrer Strategie nützlich sind, etwa im Kampf gegen Imperialismus und Zionismus. Oder die, die sich in der Welt bequem eingerichtet haben und nichts für veränderungswürdig halten. Das ist der Lump im Sinne Sartres.

SPIEGEL: Ist der öffentliche, der politische Intellektuelle heute nur noch der Mann mit der Trillerpfeife?

Lévy: Man sollte die Wirkung des “Whistle-Blowers” nicht unterschätzen. Ich habe für die Zeitung “Le Monde” mal eine Serie von Reportagen über vergessene Kriege geschrieben, über Konflikte also, für die sich niemand zu interessieren schien. Das Echo war verblüffend, nicht nur in Frankreich.

SPIEGEL: Aber die emblematische Figur des Intellektuellen, wie sie Zola in der Dreyfus-Affäre mit seinem “J’accuse” abgab oder Sartre für die 68er-Studenten, ist die heute noch möglich? Oder sind die Meisterdenker mit den großen Ideologien, den theoretischen Denkgebäuden untergegangen?

Lévy: Die großen Ideologien wie der Marxismus zucken noch, sie erwachen sogar zu neuem Leben. Dieses Kapitel ist noch nicht abgeschlossen, leider. Ich glaube, dass die europäische Tradition des engagierten Intellektuellen, der sich für das öffentliche Geschick einsetzt, der Verantwortung für den Lauf der Welt in sich verspürt, der Zeugnis und Rechenschaft ablegt, nicht am Ende ist. Ich reihe mich ohne weiteres in sie ein. Sonst könnte ich mein Leben in der Sonne verbringen und Liebesromane schreiben, statt nach den Spuren massakrierter Bauern in Kolumbien zu suchen oder in Afghanistan, in Herat, Frauen zu begegnen, die sich das Gesicht verätzt oder verbrannt haben, um ihrer Zwangsverheiratung zu entgehen. Überall gibt es Grund für ein “J’accuse”.

SPIEGEL: Sie sind ein Einzelkämpfer geblieben, ein zuweilen etwas schillernder oder auch irrlichternder Guerillero. Kränkt es Sie, dass Sie als Philosoph nicht immer so richtig ernst genommen werden?

Lévy: Mein Ehrgeiz richtete sich nie darauf, Schule zu machen. Ich wollte kein akademischer Philosoph werden. Wirft man mir vor, zu nahe am Journalismus, an der Reportage, an der Literatur zu sein? Bitte – in der Flickwerkphilosophie, im großen Reparaturbetrieb der Geschichte, hat auch der gute Reporter seinen Ehrenplatz.

SPIEGEL: Sie haben vor über 30 Jahren zusammen mit anderen “neuen Philosophen” wie Ihrem Freund André Glucksmann die Abrechnung mit dem Marxismus und dem Totalitarismus eingeleitet. Ordnen Sie sich heute noch als Linken ein?

Lévy: Ja, auf jeden Fall. Mein Vater hat auf der Seite der Republikaner als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Es gibt Bilder und Ereignisse, die einen fürs Leben prägen: die Dreyfus-Affäre, der Vichy-Faschismus, der Antikolonialismus, der 68er-Antitotalitarismus. Das bleiben Eckpfeiler der französischen Linken.

SPIEGEL: Wofür lohnt es sich heute, als Linker zu kämpfen, außer ganz allgemein für Gerechtigkeit?

Lévy: Zwei Beispiele: für den Erhalt des Sozialstaats und für den Fortgang des europäischen Einigungsprozesses. Beide, der Sozialstaat und der Ausbau Europas, sind gefährdet, sie können zerbröckeln. Und dahinter würde die Gefahr einer neuen Radikalisierung lauern. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass der rechtsextreme, fremdenfeindliche, chauvinistische Front national unter der Führung von Le Pens Tochter Marine in Frankreich schon bald regierungsfähig werden könnte. Die Linke ist gegenwärtig in ständiger Versuchung, Irrwege zu betreten. Ich habe sieben Gefahren beschrieben: den Antiliberalismus, wobei ich mit Liberalismus nicht die Anarchie des Marktes meine. Die Abwendung von der europäischen Einigung. Den Antiamerikanismus, diesen Sozialismus für Dummköpfe. Die Verteufelung der Globalisierung – der Internationalismus war schließlich mal das Banner der Linken. Einen neuen Antisemitismus in progressivem Gewand. Toleranz, ja sogar klammheimliche Sympathie für den Faschislamismus. Und, all das übergreifend, eine Bereitschaft, den Universalismus in Frage stellen zu lassen.

SPIEGEL: Trauen Sie der Linken noch zu, alle diese Fronten zu halten? Vor drei Jahren, anlässlich der Wahl von Nicolas Sarkozy, haben Sie eine desolate Bestandsaufnahme der Linken veröffentlicht, mit einem Sartre-Zitat als Titel: “Dieser große Kadaver, der auf dem Rücken liegt”.

Lévy: Gewiss, aber es lohnt sich trotz allem zu kämpfen. Ich bin links, weil ich, in Umkehrung eines Goethe-Worts, die Unordnung der Ungerechtigkeit vorziehe. Die demokratische, die reparierende Linke, die weder dem Konservativismus anheimfällt noch dem totalitären Wahn der Revolutionäre erliegt, ist keineswegs am Ende ihres Wegs angelangt. Sarkozy hat damals kurz vor seiner Wahl versucht, mich in sein Lager zu ziehen. Ich habe seinem Sirenengesang widerstanden, ich habe ihn nicht gewählt.

SPIEGEL: Es ist französischer Brauch, dass Politiker gern Intellektuelle um sich scharen, als würde ihnen das ein Mehr an Legitimität verleihen. Sie sind nicht nur ein Krieger gegen das Böse

Lévy: ein Mechaniker im Maschinenraum. Das Böse verschwindet nicht aus der Welt, nie. Man muss es akzeptieren und zugleich bekämpfen. Wunderheiler gibt es nicht.

SPIEGEL: Schon klar. Aber es bleibt ein gewisses Befremden, ein Zweifel in der Öffentlichkeit, ob Sie die richtige Person für die Rolle sind. Sie gehören ja auch zum Kreis der Reichen und Schönen, ein Mann nicht nur der philosophischen Publikationen, sondern ebenso der Illustrierten. Ein Salonlinker?

Lévy: Mit diesen Vorurteilen muss ich leben. Das Problem ist nicht, dass ich mich exponiere. Es ist das, was ich sage – seit 33 Jahren hätten es viele in Frankreich gern, wenn ich den Mund hielte. Im Krieg zieht man Feinde auf sich, nichts anderes ist zu erwarten. Es ist schwieriger, das anzugreifen, was ich schreibe, als die Art, wie ich lebe. Dabei gäbe es viele Angriffswinkel: für die Marxisten mein Antimarxismus, für die Faschisten und Pétainisten mein Antifaschismus, für die Toleranzprediger mein Antiislamismus. Aber im Grunde laufen solche Kritiken ins Leere. Also beschäftigt man sich mit Äußerlichkeiten, der Farbe meiner Hemden oder einem Zitat, auf das ich angeblich hereingefallen bin.

SPIEGEL: Sie haben in Ihrem Buch einen gewissen Jean-Baptiste Botul und dessen Ausführungen über Kant als Philosophen ohne Leib und Leben als reinen Geist erwähnt. Es stellte sich heraus, dass der vermeintliche Neokantianer Botul ein Scherzbold ist. Die Schadenfreude war groß.

Lévy: Das berührt mich nicht. Das Buch unter dem Pseudonym Botul gibt es ja, das Zitat ist echt und triftig, egal wie der Autor es meinte. Ich erbeute Zitate ohnehin nach Piratenmanier, hier und da, wie es kommt. Ich bin kein puristischer Philosoph, diesen Vorwurf nehme ich bereitwillig auf mich.

SPIEGEL: Ins Glamour-Umfeld passt auch das Interesse an Ihrer Tochter Justine, die drei bemerkenswerte, autobiografisch gefärbte Bücher veröffentlicht hat, darunter eines über ihre zerbrochene Ehe, mit Carla Bruni als Schurkin, und eines über das Sterben ihrer Mutter.

Lévy: Justine wird immer weniger als meine Tochter wahrgenommen und immer mehr als Schriftstellerin aus eigenem Recht. Ihr Talent ist anerkannt, sie gehört zu den Besten ihrer Generation, ich bin sehr stolz.

SPIEGEL: Sie lieben das Kampfgeschrei und suchen Ihren Platz mitten im Getümmel. Trägt der Ruch des Renegaten, der Sie seit Ihrem ersten grundlegenden Werk “Die Barbarei mit menschlichem Gesicht” umgibt, zur Faszination und zur Feindseligkeit bei, die Sie auslösen?

Lévy: Die Renegaten sind doch das Salz der Erde, man muss ein Renegat sein! Sich in der Treue zu sich selbst einzumauern, wenn sie sich als Irrtum erwiesen hat, damit ist der Gipfel intellektueller Verdorbenheit erreicht. Man muss sich selbst untreu werden, wenn Treue das Verharren im Falschen bedeutet.

SPIEGEL: Monsieur Lévy, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Bernard-Henri Lévy

ist der prominenteste Vertreter der von ihm mitbegründeten “Neuen Philosophie” in Frankreich, die sich vom marxistischen Utopismus verabschiedete und den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts einer radikalen Kritik unterzog (“Die Barbarei mit menschlichem Gesicht”). Doch er blieb, anders als manche seiner Freunde wie André Glucksmann, ein linker Intellektueller, der weltweit gegen Unterdrückung und für die Einhaltung der Menschenrechte – notfalls auch mit militärischen Mitteln – plädiert. Seine medienwirksamen Auftritte und sein Lebensstil brachten Lévy, 61, der mit der Schauspielerin Arielle Dombasle verheiratet ist, den Ruf eines eitlen Dandy-Philosophen ein.

(*1) Mit Redakteur Romain Leick in Paris.

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